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Schwarz-gelb: bildungspolitisch am Ende

Seit Mitte Juni finden verschiedene Protestaktionen von Studierenden und SchülerInnen im Rahmen des bundesweiten Bildungsstreiks statt.

Dieser Streik an vielen Hochschulen in NRW zeigt, dass eine zunehmende Zahl junger Menschen die Auswirkungen der schwarz-gelben Hochschulpolitik als Bedrohung nicht nur ihrer persönlichen Zukunft, sondern auch als Gefahr für die Zukunft unserer Gesellschaft insgesamt betrachtet. Wir Grüne fordern daher die Landesregierung zu einem grundsätzlichen Kurswechsel in der Hochschulpolitik auf, hin zu mehr Chancengerechtigkeit und zu einer neuen Qualität der Lehre. Und insbesondere bei der Bologna-Reform ist dringender Handlungsbedarf geboten. An den Hochschulen muss daher nun eine zweite Welle der Reform folgen, in der auch die Lehr- und Lernformen an die Anforderungen der neuen Studiengangsstrukturen angepasst werden.

Die Grünen haben dazu einen hochschulpolitischen Plenarantrag mit Schwerpunkt Bologna-Reform eingebracht.

 

 

NRW braucht eine bessere Hochschulpolitik - Alarmsignal Bildungsstreik ernst nehmen

 

Der aktuelle Bildungsstreik an vielen Hochschulen in NRW zeigt, dass eine zunehmende Zahl junger Menschen die Auswirkungen der schwarz-gelben Hochschulpolitik als Bedrohung nicht nur ihrer persönlichen Zukunft, sondern auch als Gefahr für die Zukunft unserer Gesellschaft insgesamt betrachtet.  Der Landtag fordert die Landesregierung daher zu einem grundsätzlichen Kurswechsel in der Hochschulpolitik auf, hin zu mehr Chancengerechtigkeit und zu einer neuen Qualität der Lehre.

 

I. Die schwarz-gelbe Hochschulpolitik gefährdet die Funktion der Hochschulen

 

Studiengebühren, Entdemokratisierung und wachsende Orientierung an den Interessen und Anforderungen der Wirtschaft sind die Qualitätsmerkmale einer auf bloßen Profit hin orientierten "Privat-vor-Staat"-Politik. Seit der Regierungsübernahme durch schwarz-gelb entwickeln sich die Hochschulen in NRW stetig weiter weg von ihrer ursprünglichen Aufgabe. Sie verstehen sich immer weniger als Orte des Diskurses, als Keimzelle für gesellschaftliche, soziale und technische Innovationen. Begünstigt wird dies durch den Rückzug des Landes sowohl aus der inhaltlichen als auch aus der finanziellen Verantwortung für die Hochschulen unter dem Deckmantel einer angeblichen Hochschulfreiheit. 

 

Der aktuelle Bildungsstreik an vielen Hochschulen in NRW zeigt, dass diese Entwicklung von einer wachsenden Zahl junger Menschen als Bedrohung nicht nur ihrer persönlichen Zukunftschancen, sondern auch als Gefahr für die gesamte Gesellschaft erkannt wird.

 

Hierzu gehört auch die zunehmende Orientierung der Hochschulen an einem nicht näher definierten Exzellenzbegriff und die damit verbundene Abschottung durch Zulassungsbeschränkungen und Studiengebühren, die den Hochschulzugang insbesondere für Menschen aus sozial und finanziell benachteiligten Familien erschweren. Eine Öffnung der Hochschulen für traditionell eher bildungsferne Schichten ist jedoch nicht nur ein bildungspolitischer Auftrag.  Angesichts des wachsenden Fachkräftemangels liegt hierin eine zentrale Aufgabe der Hochschulen, um die Zukunftsfähigkeit  der Gesellschaft als auch der Wirtschaft  sicher zu stellen.

 

 

II. Der Bologna-Prozess braucht eine zweite Welle der Reform

 

Parallel zu der schleichenden Privatisierung und Ökonomisierung der Hochschulen, die einhergeht mit einer Verschlechterung der äußeren Rahmenbedingungen, sollen die Hochschulen nun die wohl ambitionierteste Studienreform seit den 70er Jahren umsetzen. Im Rahmen des so genannten Bologna-Prozesses müssen nicht nur die Abschlüsse auf das internationale Bachelor-Master-System umgestellt werden, mit der   formalen Umstrukturierung sollen  auch grundsätzliche inhaltliche Reformen des Studiums einher gehen. Aufgrund der ungünstigen Rahmenbedingungen und der fehlenden Unterstützung durch die Landesregierung, ist die Reform in ihrer ersten Stufe jedoch an vielen Stellen auf strukturell-organisatorische Aspekte  reduziert worden. Die Folge ist eine vielfach übermäßige Bürokratisierung und Reglementierung des Studienablaufs, eine immense Verdichtung der Prüfungsprozeduren und - damit verbunden - die Entwicklung und Verstärkung einer  rezeptiven und reproduktiven Lehr- und Lernkultur. Das hochgradig verschulte Studium lässt zu wenig Raum für das unkonventionelle Querdenken, Kreatitivät im interdisziplinären Arbeiten und das Entwickeln von Problemlösekompetenzen.

Der höhere Leistungsdruck hat zudem zur Folge, dass immer weniger Studierende die Möglichkeit haben, sich neben dem Studium sozial, politisch oder anderweitig zu engagieren. Insbesondere Studierende aus bildungsfernen Schichten sowie Studierende, die durch Familienarbeit oder durch notwendige Berufstätigkeit zusätzlich belastet sind, brechen in höherem Maße als bisher ihr Studium vor allem in der Studieneingangsphase frühzeitig ab.

 

Im Ergebnis konnten deshalb wesentliche Ziele des Bologna-Prozesses nicht oder nur in Teilen umgesetzt werden:

 

  • die Förderung der Mobilität, auch durch die erleichterte Anerkennung zwischen Hochschulen und Bildungsgängen,
  • die Förderung der europäischen Dimension in der Hochschulausbildung sowie der europäischen Zusammenarbeit bei der Qualitätsentwicklung,
  • die enge Einbeziehung der Hochschulen und der Studierenden in die Reformprozesse

 

An den Hochschulen muss daher nun eine kritische Überarbeitung der Reform folgen, in der auch die Lehr- und Lernformen an die Anforderungen der neuen Studiengangsstrukturen angepasst werden. Hier stehen an erster Stelle ein Wandel der Lehrauffassungen sowie die Entwicklung professioneller Kompetenz in der Lehre. Das didaktische Repertoire sollte sich über die Instruktion hinaus auf das Arrangement von Lernsituationen und die Schaffung von Lernumgebungen erweitern.

 

Wollen sich die Hochschulen mit der Bologna-Reform eine Heterogenität in ihren Zielgruppen mit unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen öffnen, so kommen sie nicht an einer Didaktik der Vielfalt vorbei. In allen Studienphasen, insbesondere aber in den Eingangsphasen der verschiedenen Studienabschnitte, seien sie im Bachelor, seien sie im Master, geht es um die Schaffung von Möglichkeiten adaptiven Lehrens und Lernens, die den individuellen Zugängen, der Eröffnung von Wahlmöglichkeiten im Laufe des Studiums für Alternativen und den unterschiedlichen Interessen gerecht werden.

 

Unter hochschuldidaktischen Gesichtspunkten käme es außerdem darauf an, Prüfungsformen zu entwickeln und zu implementieren, die sich integrativ auf größere Lerneinheiten (Module) erstrecken und die Leistungen, die im Lernprozess erarbeitet werden, als Prüfungsleistung anzuerkennen. Um das Ziel einer verbesserten nationalen wie internationalen Mobilität zu erreichen, müssen bei der Weiterentwicklung der Studiengänge auch die Stellen des Curriculums identifiziert und planvoll gestaltet werden, in denen diese ermöglicht werden soll, z.B. durch ein Zeitfenster für Mobilität im 4. oder 5. Studiensemester.

 

Grundvoraussetzung für einen Erfolg der Bologna-Reform ist jedoch vor allem eine ausreichende staatliche Finanzierung der Lehre an unseren Hochschulen und ein Dienst- und Besoldungsrecht, das der Erkenntnis Rechnung trägt, dass in einer modernen Wissenschaftsgesellschaft gute Lehre einen ebenso hohen Stellenwert haben muss wie gute Forschung.

 

III. NRW braucht bessere Hochschulen - und eine andere Hochschulpolitik

 

Der Landtag stellt fest, dass Bildung ein Menschenrecht ist und als solches ökonomischen Interessen weder unter- noch beigeordnet werden darf. Der Landtag spricht sich daher grundsätzlich für eine größtmögliche Öffnung der Hochschulen und die Abschaffung der Studiengebühren sowie den Abbau anderer Zugangshindernisse aus.

 

Der Landtag unterstützt die vom Bologna-Prozess angestrebte Schaffung eines europäischen Hochschulraums und die angestrebten Ziele, insbesondere der  Erhöhung der Mobilität, der verstärkten europäischen Zusammenarbeit und der engen Einbeziehung der Betroffenen in alle Prozesse.

 

Der Landtag spricht sich dafür aus,  entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen, insbesondere durch

  • eine verbesserte Ausstattung der Hochschulen;
  • die Abschaffung der Studiengebühren;
  • den Aufbau einer nachhaltig gesicherten Studienfinanzierung sowie
  • eine Reform des Hochschulgesetzes, mit der die Hochschulen  wieder stärker ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen können und in der demokratische Mitbestimmung verbindlich verankert ist.

 

Darüber hinaus fordert der Landtag die Landesregierung auf, die Reformprozesse an den Hochschulen durch verbindliche Ziel- und Leistungsvereinbarungen zu flankieren, in denen insbesondere folgende Ziele beschrieben werden:

 

  • Ein Perspektivwechsel in der Hochschullehre hin zu einer auf den Studierenden zentrierten Lehre sowie verbunden damit
  • eine Stärkung der Position der Hochschullehre im Vergleich zur Forschung;
  • eine veränderte, stärker prozessorientierte Prüfungskultur und
  • eine Stärkung der Beteiligung von Studierenden und MitarbeiterInnen an den hochschulinternen Entscheidungen und Reformprozessen

 

 Sylvia Löhrmann

 Johannes Remmel

 Dr. Ruth Seidl

 und Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen